OSS Week 2026: KI zwischen Hype und Haltung – Teil 1
14. Juli 2026
Mitte Juni fand bei uns die OSS Week statt – unsere alljährliche interne »Bastelwoche« für Open Source, Weiterbildung und den gemeinsamen Fokus auf ein spannendes Thema.
Dieses Jahr stand Künstliche Intelligenz (KI) im Zentrum: nicht als Selbstzweck, sondern als die Frage, wie wir von diesen Tools in unserer täglichen Arbeit profitieren, aber auch unseren Überzeugungen treubleiben können. Denn wir wollten technische Innovation nicht isoliert von ihren sozialen und materiellen Zusammenhängen betrachten,in denen sie entstehen.
In diesem ersten Teil unserer zweiteiligen Serie blicken wir zurück auf die ethischen, klimabezogenen und philosophischen Diskussionen, die unsere Woche geprägt haben. Im zweiten Teil folgen dann die konkreten technischen Projekte und die Hands-on-Learnings.
Infrastruktur: Ein Kompromiss mit Augenmass
Schon im Vorfeld beschäftigte uns die Frage, welche Infrastruktur wir für unsere Experimente nutzen wollen. Aufgrund ethischer Überlegungen schlossen wir Anbieter wie OpenAI und Google aus. Um einen nachvollziehbaren Vergleichspunkt zum aktuellen Industriestandard zu haben, bezogen wir Claude von Anthropic in unsere Tests ein –nichtals ethischen Massstab, sondern als bewusst gewählte Referenz, gegen die wir Open-Weight-Modelle bewerten konnten. Denn diese freien Modelle sind es, von denen wir uns mehr Unabhängigkeit und digitale Selbstbestimmung erhoffen.
Ein lokales Hosting schied aus ökologischen und ökonomischen Gründen aus: Die Anschaffungskosten für die benötigte Hardware wären fünfstellig, der Lebenszyklus der Komponenten unklar und die Gefahr einer schnellen technischen Überholung gross.
Als pragmatischen und wertekonsistenten Kompromiss wählten wir deshalb ein Cloud-Hosting von Open-Weight-Modellen in einem solarbetriebenen Rechenzentrum von Infomaniak1 in Genf. Damit vermeiden wir eine unmittelbare Abhängigkeit von internationalen Grosskonzernen, nutzen Sonnenenergie und bleiben in unserem Set-Up flexibel.
Haltung statt Hype: unsere Gespräche über Verantwortung und Souveränität
Die Auswahl unserer Infrastruktur war für uns jedoch nur der Ausgangspunkt. Ob beim morgendlichen Stand-up, beim gemeinsamen Essen oder am späteren Feierabend – es entstanden viele Momente des Austauschs, in denen wir uns gegenseitig herausgefordert und verschiedensten Perspektiven begegnet sind.
Gerne teilen wir im Folgenden ein paar Einblicke aus diesen gemeinsamen Gesprächen mit euch.
Transparenz als Nonplusultra
Wie gehen wir mit KI-generiertem Code um, und wer trägt die Verantwortung?
Unsere aktuelle Haltung dazu ist: Die Nutzung externer Dienstleister wie Anthropic muss gegenüber Kund:innen und Partner:innen transparent kommuniziert werden. Wir betrachten den Einsatz von KI auf digitaler Infrastruktur unter unserer Kontrolle als gleichbedeutend mit der Nutzung jedes anderen internen Tools und nicht als Outsourcing.
Zwischen Prodoktivitätversprechen und Verantwortung für unsere Umwelt
Steht die Effizienzsteigerung durch KI erzeugten Code im Verhältnis zu ihrem ökologischen und sozialen Fussabdruck?
Unser Resümee fielernüchterndaus: Im Allgemeinen stehen die gesamten Kosten – CO₂-Emissionen, Wasserverbrauch, Bauland und nicht zuletzt die Arbeitsbedingungen beim Training der Modelle im globalen Süden– der produktiven Ersparnis nicht angemessen gegenüber2.
Durch die gezielte Wahl regionaler, solarbetriebener Infrastruktur in Genf leisten wir jedoch einen gewichtigen Beitrag zur ressourcenschonenden Nutzung. Was auch bei einemrelativ nachhaltigemSetup bleibt, sind die materiellen und ethischen Kosten für die Herstellung der Hardware sowie den Datenzugang und das Training der Modelle selbst. Diese grundlegenden Problematiken dieser Industrie werden wir in unserem Handlungsrahmen nicht aus der Welt schaffen können, aber wir können sieauf unser Handeln bezogenminimieren.
Abhängigkeit und wirtschaftliche Souveränität
Machen wir uns langfristig von proprietären KI-Anbietern und deren Preispolitik abhängig?
Dank unserer langjährigen Partnerschaft mit Infomaniak verfügen wir über direkten Zugang zur Hardware und eine nachvollziehbare Verrechnung pro Token. Das schützt uns vor undurchsichtigen Preismodellen und unterschwelligen Leistungskürzungen. Zudem bewerten wir das Hosting in Genf als idealen Kompromiss: Wir behalten Autonomie, ohne teure Eigeninvestitionen in schnell wechselnde Hardware zu tätigen, und profitieren stattdessen von einem professionellen Hoster, der seine Infrastruktur kontinuierlich betreibt und über ihre gesamte Lebensdauer hinweg auslasten kann
Wie weiter?
Unsere OSS Week 2026 hat gezeigt, dass der sorgfältige Umgang mit KI weniger eine technische Herausforderung ist als eine Frage der Haltung. Wir haben keine perfekte Lösung gefunden, aber einen klaren Entwurf für unser weiteresHandeln. Wir bleiben bei transparenten Prozessen, setzen auf klimaverträgliche Infrastruktur und verwenden dort, wo es sinnvoll ist, leistungsfähige Open-Weight-Modelle.
Im nächsten Teil dieser Serie werfen wir dann einen Blick aufeinigetechnischenLearnings, die wir in dieser Wochediskutierthaben.
Wir freuen uns, wenn ihr mit uns im Dialog bleibt. Welche Fragen beschäftigen euch in eurem Umgang mit KI? Wir laden euch herzlich ein, eure Perspektiven mit uns zu teilen.
1: https://www.infomaniak.com/de/hosting/ai-services/open-source-models
2: UNU-INWEH Report: Aczel, M., Chamanara, S., Matin, M., Farsi, A., Marwala, T., Madani, K. (2026). Environmental Cost of AI's Energy Use: Carbon, Water and Land Footprints. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH), Richmond Hill, Ontario, Canada. doi: 10.53328/INR26RMA002